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migrantas | Bundesmigrantinnen Berlin | Rede
Meine
Damen und Herren,
liebe Künstlerinnen von Migrantas, liebe Marula, liebe Florencia,
und vor allem liebe Teilnehmer und Teilnehmerinnen der workshops von migrantas,
deren Zeichnungen wir hier heute sehen dürfen.
Ich war gestern schon hier.
Ich wollte mir die Ausstellung anschauen, über die ich sprechen sollte.
Und so habe ich davor gestanden, vor den Zeichnungen und Bildern, und
habe sie betrachtet. Ohne weitere Erklärungen, ohne Zusatz. Pur.
Ich habe Photos gemacht von Zeichnungen, die mich besonders berührt
haben und irgendwann dann bin ich gegangen.
Zuhause habe ich mich an die Rede gemacht, die ich halten sollte, und
habe meine Notizen durchgeschaut und die Bilder erneut betrachtet und
mir überlegt, was sie erzählen: da war vor allem diese Zeichnung
von dem Knoten in der Zunge, von der neuen Sprache, die doch nicht ausreicht,
um der oder die zu sein, die man ist, diese fremde reiche Sprache, die
einen doch ärmer wirken lässt. Und da waren die Bilder von den
vielen Ausbildungen und Zeugnissen, die doch nie reichen, um die anderen
zu überzeugen davon, dass man gleichwertig ist, die dieses Grundgefühl
vermitteln: nie gut genug zu sein, nie genug zu sein, um dazuzugehören,
um gehört zu sein.
Und dann war klar, dass ich hier nicht sprechen kann, dass es falsch wäre,
wenn ich hier, mit meiner Sprache, meinem Deutsch, meiner Muttersprache,
meinen Worten für Sie spreche.
Das wäre es ja wieder:
Sie wären nicht genug. Sie reichten nicht. Ihre Sprache reichte nicht.
Oder reichte nicht bis zu uns, die wir Ihnen zuhören sollten. Ich
würde, in dieser Rede, genau nur das melancholische Gefühl der
Fremdheit, der Infantilisierung, der Abhängigkeit von anderen reproduzieren.
Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, lassen Sie mich sagen: Sie brauchen
mich nicht. Sie brauchen nicht meine einführenden Worte zu dieser
Ausstellung. Sie können für sich selbst sprechen. Und wir, die
wir nicht eingewandert sind, die wir die Norm erfinden und behaupten,
die definiert, wer als fremd gelten soll und wer nicht, wir sollten einfach
mal hinhören, hinschauen.
Die Zeichnungen und Piktogramme erzählen alles, was wir wissen müssen,
wenn wir verstehen wollen, wie sich das anfühlt, als fremd, als nicht
ausreichend, als anders, als gefährlich, bedrohlich, kriminell stigmatisiert
zu werden, sie erzählen alles, wie sich das anfühlt, hier und
dort zugleich zu sein und nirgendwo mehr richtig dazuzugehören, wie
sich das anfühlt, als Erwachsene wieder ein Leben und eine Sprache
zu erlernen wie ein Kind, wie sich das anfühlt, angeblich im Paradies
angekommen zu sein, dort, wo Milch und Honig fliessen, im Frieden, und
sich daran doch nicht freuen zu können, weil das Wissen um Tod und
Zerstörung in der Gegend, die man verlassen hat, mitreist, wie sich
das anfühlt, die, die zurückgeblieben sind, zu belügen,
weil man ihnen nicht sagen mag, dass es keineswegs so leicht ist im Frieden,
...all das erzählen die Zeichnungen, all das erzählen Sie, ganz
allein – dazu braucht es mich nicht.
Hier könnte ich abbrechen.
Aber ich weiß von meiner Freundin, dass Argentinier nichts kurioser
finden als die deutsche Gewohnheit, auf Geburtstagen, Hochzeiten oder
Ausstellungseröffnungen zu reden. Ich weiß, dass Argentinier
innerlich schmunzeln, weil sie dieses Reden für ein skuriles Ritual
der Eingeborenen halten.
Damit Sie also etwas zu lachen haben und damit ich meinen Eingeborenen
Status hier behaupte, lassen Sie mich doch noch etwas selbst erzählen.
Nicht, weil Sie mich bräuchten, sondern um vorzuschlagen, wie diese
Ausstellung betrachtet werden könnte: als Aufforderung und Einladung
zum Geschichten-Erzählen.
Vielleicht sollte jeder und jede der Gäste hier heute sich die Zeichnungen
und Piktogramme anschauen und eins aussuchen, eins, das Sie berührt,
eins, das eine Geschichte erzählt, die wiederum eine Geschichte bei
Ihnen auslöst, und vielleicht erzählen Sie diese Geschichte
dann den Künstlerinnen und den Migranten, die sie gezeichnet haben,
und vielleicht entsteht so schließlich eine vielstimmige, vielsprachige
Erzählung von uns allen.
Einverstanden?
Also: hier ist meine kleine Geschichte. Danach höre ich auch auf.
Und dann erzählen Sie Ihre...
Als ich sechs oder sieben war und meine Familie ins spanisch-sprachige
Ausland fuhr, hatte ich immer Angst vor dem Unbekannten, genauer: ich
hatte Angst davor, alleine mich in einer Gruppe von Fremden wiederzufinden
und nicht sprechen zu können. Ich glaube, mich beschäftigte
vor allem das Gefühl, nicht genügen zu können, unhöflich
zu sein oder einfach grob, wenn sie mich etwas fragen würden, auf
spanisch, und ich nicht antworten könnte. Es war ein undeutliches
Gemisch aus Scham und Ohnmacht, und ich muss es meiner Mutter früh
gestanden haben, denn sie brachte mir einen Satz bei, der mich aus der
peinigenden Situation befreien sollte, sie brachte mir bei „No hablo
espanyol“ zu sagen.
Ich war ziemlich klein, und ich erinnere wie ich in irgendeinem Kiosko
stand, neben einer riesigen Kühltruhe für Eis, die mich fast
überragte, und wie ich auf die mir unverständlichen Fragen des
Besitzers einfach nur den Kopf schüttelte und „No hablo espanyol“
sagte und mir schrecklich vorkam.
Ich sagte das, damals schon, ziemlich akzentfrei, das war nicht das Problem.
Aber obgleich ich kein Spanisch sprach, begriff ich doch, dass der Satz,
den meine Mutter mir als Schutzschild gegeben hatte, irgendwie komisch
war: „No hablo espanyol“...da fehlte was, dachte ich, da gibt
es kein Subjekt. „nicht spreche spanisch“ übersetzte
ich mir wortgetreu, und ich dachte, das hätte meine Mutter absichtlich
gemacht. Ich dachte, meine Mutter hätte keinen Zweifel offenlassen
wollen, dass dieses Kind WIRKLICH kein Spanisch sprechen konnte. Immer
wenn ich irgendwo alleine stand und diesen Satz sagte, dachte ich, ich
klänge furchtbar dämlich und ich kam mir dementsprechend klein
und hilflos vor mit meinem Satz.
Erst 15 Jahre später, in einer Spanischsprach-Schule in Madrid, habe
ich dann begriffen, dass der Satz wirklich korrekt war.
Warum ich Ihnen das erzähle?
Weil mir gestern, beim Betrachten der Zeichnungen, sofort die Tränen
in die Augen schossen als ich mehrere Bilder sah, die mich daran erinnerten,
wie fremd und sprachlos ich selbst war und sein konnte, und die dieses
Gefühl besser ausdrückten als ich es je gekonnt hätte.
Da ist die Zeichnung von dem Knoten in der Zunge und die Zeichnung mit
der Sprechblase „Ich bin nicht dumm. Ich lerne nur Deutsch erst
seit 4 Wochen“...
Wie infantilisiert man sich fühlt, wenn man sich nicht ausdrücken
kann, wie fremd man sich selbst vorkommt, wenn einem die Worte fehlen,
die das Innen nach Aussen kehren können...das habe ich wieder erinnert,
darin waren Sie mir nicht fremd, das konnte ich sofort verstehen, und
ich war und bin unendlich dankbar dafür, dass Sie mir etwas gezeigt
und beschrieben haben, das ich so nicht hätte erinnern oder sagen
können.
In diesem Sinne haben Sie für mich gesprochen – nicht ich für
Sie.
Das ist meine kleine Geschichte.
Nun bin ich auch still. Und ich fordere Sie, meine Damen und Herren auf,
schauen Sie sich die Ausstellung an und suchen Sie nach einer Zeichnung,
einem Piktogramm, das Sie berührt und dann erzählen Sie Ihre
Geschichte.
Carolin Emcke
Publizistin
Berlin, 9. August 2013
Rotes Rathaus, Rathausstraße 15 10178 Berlin.
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